150 Jahre „Mühle + Mischfutter”

Eine Fachzeitschrift mit langer Tradition

150 Jahre 150 Jahre MM

150 Jahre An der Schwelle des Überganges zur modernen Müllerei ging im Jahre 1863 der Leipziger Verlagskaufmann Gustav Moritz Schäfer das Wagnis ein, eine wöchentlich erscheinende Zeitschrift für Müllerei und Mühlenbau unter dem Titel „Die Mühle" herauszubringen. Walzenstuhl, Grießputzmaschine und Plansichter, Wasserturbine, Dampfmaschine, Gas- und Elektromotor standen damals gewissermaßen in den Startlöchern und harrten darauf, auch in Mittel- und Kleinmühlen die altväterliche Technik abzulösen und einen wirtschaftlichen kontinuierlichen Produktionsablauf der Vermahlung zu ermöglichen. Die neue Zeitschrift „Die Mühle" (die später den programmatischen Untertitel „Wochenschrift zur Förderung des Fortschritts in Müllerei und Mühlenbau" erhielt) sollte für den Erneuerungsprozess einen nicht unwesentlichen Beitrag als Ideenvermittler leisten.

Daneben verlangten die wirtschaftlichen Probleme der Müllerei dringend nach einer überregionalen Fachzeitschrift. Auch hier eine Umwälzung: Die ursprünglich rein regionale Strukturierung der Binnenmühlen hinsichtlich Getreideversorgung und Mehlabsatz war als Folge des rasanten Ausbaues des Eisenbahnnetzes aufgebrochen worden. Rohstoffe und Mahlprodukte konnten nun über weite Strecken transportiert werden; das erforderte eine ständige Information über Getreide-, Mehl- und Nachproduktenpreise sowie über Frachtraten und Sondertarife. Über das und noch einiges mehr sollte die neue Zeitschrift berichten.

Die erste Ausgabe erschien zur Einführung vorfristig am 3. Dezember 1863 und trägt die Heft-Nr. 1/1864, doch das Interesse der angesprochenen Betriebe hielt sich in den ersten Jahren in Grenzen. Anzeigen gab es kaum, und die Abonnementseinnahmen deckten bei weitem nicht die Herstellungskosten. Dem besonderen Einsatz des Verlegers Moritz Schäfer (der mütterlicherseits aus einer Mühle in der Nähe von Dresden stammte) ist es zu verdanken, dass die verlustbringende Zeitschrift nicht eingestellt, sondern konsequent ausgebaut wurde.

In den ersten Jahrzehnten ihres Bestehens setzte sich die Fachzeitschrift „Die Mühle" nachdrücklich für die Einrichtung von Müllertreffen mit Erfahrungsaustausch über wirtschaftliche Fragen und die technischen Neuentwicklungen ein, trieb die Gründung von Mühlenverbänden voran (Moritz Schäfer war Mitbegründer und Kassierer des Sächsischen Mühlenverbandes) und gab bereits 1869 den Anstoß für eine Müllereimaschinenausstellung mit internationaler Beteiligung in einer Zelthalle auf dem Leipziger Marienplatz. „Die Mühle" wurde offizielles Organ der Müllerei-Berufsgenossenschaft und zeitweise des Verbandes Deutscher Müller, aber wegen häufigen Gerangels um Beitrags-Plazierungen und Versuche, auf Textbeiträge und Anzeigenaufnahme Einfluss zu nehmen, wurde der Anzeigenteil als Beilage „Deutscher Mühlen-Anzeiger" ausgegliedert und der Textteil in einen allgemeinen und einen Verbandsteil aufgeteilt.

Nachdem 1898 und 1899 zwei weitere deutsche Mühlenverbände gegründet worden waren, erfolgte im Jahre 1904 die endgültige Lösung vom Verband Deutscher Müller und die Umgestaltung zu einem unparteiischen und unabhängigen Fachblatt, das den unterschiedlichsten Meinungen Raum geben konnte. Die Zustimmung der Leser spiegelt sich in den Auflagenzahlen wider, nämlich 1905 – 6537, 1907 – 8398, 1909 – 9053 und schließlich 1913 – 10196 Exemplare wöchentlich. Das Format der Zeitschrift war inzwischen zweimal vergrößert, der Titelschriftzug „modernisiert" worden. Mit über 600 Textseiten im Jahr und mehr als 1800 Anzeigenseiten hatte „Die Mühle" nach fünf Jahrzehnten ihren Platz in der Fachwelt gefestigt.

Leipzig war Ende April 1945 von amerikanischen Truppen besetzt worden (deren Presseoffiziere für politisch unbelastete Verlage eine baldige Wiederaufnahme der Produktion in Aussicht stellten), wurde dann aber zusammen mit weiteren Teilen Sachsens im „Austausch" gegen Westberlin der sowjetischen Besatzungsmacht abgetreten. Deren Verlagspolitik war grundlegend anders. Eine Veröffentlichungslizenz für „Die Mühle" wurde zwar mehrmals in Aussicht gestellt, aber niemals erteilt. Deshalb wurde beschlossen, „Die Mühle" und den Buchverlag nach Westdeutschland zu verlegen. Das war ein schwieriges Unterfangen. „Interzonenverkehr" von Ost nach West gab es nur in sehr eingeschränktem Maße, und eine offizielle Verlagerungs- und Ausreisegenehmigung war schon damals praktisch nicht zu erhalten. Hinzu kam, dass ein Stuttgarter Verlag mit einer Zeitschrift „Die Müllerei" das charakteristische Erscheinungsbild der „Mühle" (Großformat, chamoisfarbener Umschlag) und das wöchentliche Erscheinen nachgeahmt sowie zwei Schriftleiter übernommen hatte, sodass in der Fachwelt der Eindruck entstanden war, es handele sich um die West-Ausgabe der Zeitschrift „Die Mühle". Außerdem gab es zwei gut eingeführte bayerische Mühlenfachblätter und eine kleine Zeitschrift im Westfälischen. Da die zu große Anzahl der Fachzeitschriften von Lesern und Inserenten gleicherweise beanstandet wurde, musste „Die Mühle" den Markt bereinigen, wenn sie in Westdeutschland eine Chance haben wollte. Ein glücklicher Umstand war, dass der Bayerische Landwirtschafts-Verlag sich im Rahmen einer Umstrukturierung von der „Mühlen-Zeitung" trennen wollte und auch die Zeitschrift „Der Müller" in Halle/Westfalen zum Verkauf stand. Auf dieser Basis konnte der Neustart der „Mühle" in Angriff genommen werden.

Als Verlagsort wurde Detmold gewählt, eine Druckerei leistete Hilfestellung, und so konnten im September 1950 die ersten (noch etwas provisorisch anmutenden) neuen Hefte ausgeliefert werden. Ab Januar 1951 kam „Das Mühlenlaboratorium", die wissenschaftliche Monatsschrift „Getreide und Mehl", Organ der Arbeitsgemeinschaft Getreideforschung in Detmold, unter der Schriftleitung von Prof. Dr. P. F. Pelshenke, als monatliches Beiblatt zur „Mühle". Wenig später stießen Dr. jur. W. Laute (der nach Bonn übergesiedelt war) und Dr.-Ing. O. Haltmeier in Frankfurt wieder zur „Mühle", sodass zusammen mit Ing. Walter Hachmann der Redaktionsstab komplett war. Es folgte dann 1952 noch die Eingliederung der von Berat.-Ing. W. Weicker begründeten Monatsschrift „Das Wassertriebwerk" als Beiblatt in „Die Mühle".

Die monatlichen Beiblätter im Format DIN A4 wirkten in der damals im Großformat DIN B4 erscheinenden „Mühle" etwas „verloren", deshalb erfolgte nach und nach eine Umstellung auf halbes „Mühle"-Format (= DIN B5), und in diesem Format erschienen in den fünfziger und sechziger Jahren auch einige Fachbuch-Vorabdrucke zum Herausnehmen, nämlich die „Fachkunde für Müller" von J. Flechsig, die „Getreide- und Mehluntersuchung" von Dr. O. Eckardt und die 100-Jahr-Reihe „Ergebnisse und Probleme der Getreideforschung" von Dr. W. Schäfer (die in der Buchausgabe den Titel „Brot in unserer Zeit" trägt). Ein 1962 von Prof. Dr. M. Rohrlich begründetes wissenschaftliches Referateblatt wurde ebenfalls in dem halben Format beigeheftet und „Das Wassertriebwerk" ab 1969 darauf umgestellt. Eine weitere Veröffentlichung in dieser Art war „The Feed Industry in Oversea Countries" von Dr. J. Hertrampf, während das vierteljährliche Periodikum für Mühlenkunde und Mühlenerhaltung „Der Mühlstein" inzwischen zusammen mit der aktuellen Formatänderung der „Mühle" auf DIN A5 umgestellt wurde.

Wesentlich verbessert wurde in den vergangenen Jahrzehnten auch die äußere Aufmachung der Fachzeitschrift. Das aus den vierziger und fünfziger Jahren bekannte, charakteristische chamois Umschlagpapier wurde 1961 zunächst durch ein chamois Kunstdruckpapier abgelöst, das 1975 durch weißes Kunstdruckpapier ersetzt wurde; im Innenteil musste das leicht holzhaltige Papier 1980 schneeweißem Offsetpapier weichen, nachdem 1978 die Herstellung von Buchdruck (mit Bleisatz) auf Offsetdruck (mit Fotosatz) umgestellt worden war. Heutzutage erfolgt der Seitenaufbau computerunterstützt am Bildschirm. Der Titelschriftzug machte ebenfalls eine Reihe von Wandlungen durch, wobei Modeströmungen (Jugendstil, neue Sachlichkeit) nicht ganz ohne Einfluss blieben. Um die kontinuierlich erweiterten Inhalte der Fachzeitschrift besser darzustellen, wurdeDie Mühle“ sogar zweimal umbenannt: 1965 in „Mühle + Mischfuttertechnik“ und im Jahr 2000 dann in „Mühle + Mischfutter“, wie sie auch heute noch offiziell heißt. Vielfach wird aber im allgemeinen Sprachgebrauch noch immer schlicht die Kurzform „Die Mühle“ verwendet.

Eine kuriose Episode aus der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre soll hier nicht unerwähnt bleiben. Da die staatlichen Verlage der damaligen DDR es nicht schafften, eine Fachzeitschrift für die Mühlenwirtschaft herauszubringen und die Abonnementslieferung der „Mühle" in die DDR nur in wenigen Fällen möglich war, wurde 1956 ein Abkommen getroffen, wonach in einer zur Lieferung in die DDR bestimmten Teilauflage der „Mühle", der Wirtschaftsteil durch von dem Ostberliner Verlag „Die Wirtschaft" beigesteuerten Wechselseiten ausgetauscht wurde. Das Echo in der ostdeutschen Fachwelt war beachtlich: Innerhalb weniger Wochen erreichte die in Detmold gedruckte DDR-Ausgabe knapp 2000 Exemplare wöchentlich, die vom Verlag Moritz Schäfer auf Jahre hinaus vorausfinanziert werden musste, weil im Gegenzug keine Zahlung erfolgte, sondern der Gegenwert auf einem Sperrkonto gesammelt wurde, das für die Produktion von Fachbüchern in ostdeutschen grafischen Betrieben eingesetzt werden konnte. Für jede wöchentliche „Mühle"-Lieferung mussten bei der Landesregierung Warenbegleitscheine beantragt werden, und als die Genehmigungen wegen Schwierigkeiten im innerdeutschen Handel sich mehrmals verzögerten, wurde der Vertrag vom ostdeutschen Partner aufgekündigt und die Herstellung der DDR-Ausgabe im April 1957 bereits wieder eingestellt. Der Rückfluss der Gegenwerte zog sich dann bis 1960 hin.

In den 1960er- und 70er-Jahren fand in Redaktion und Verlag der „Mühle" der nächste Generationenwechsel statt. Klaus Kunis, seit 1962 in der Redaktion tätig, übernahm im Jahr 1968 die Hauptschriftleitung, und nach dem Tod des kaufmännischen Gesellschafters Karl Lieberwirth 1966 begann eine Umstrukturierung des Verlages, in deren Verlauf nach dem Ableben von Hans Kunis 1976 die bisherigen Prokuristen Jochen Kunis und Klaus Kunis geschäftsführende Verlagsgesellschafter wurden.

Nicht zuletzt durch die guten Kontakte von Klaus Kunis erfolgte ab 1981 eine weitere Straffung der Medienlandschaft: Der Verlag Moritz Schäfer übernahm die im 78. Jahrgang stehende „Deutsche Müller-Zeitung DMZ" von dem Bayerischen Müllerbund in München und einige Jahre später auch den österreichischen „Mühlen-Markt" sowie den schweizerischen „Mühlen-Anzeiger" und integrierte sie in „Die Mühle", auf die damit eine besondere Verantwortung als unabhängiges Sprachrohr für die gesamte Mühlenwirtschaft Mitteleuropas zukam. Dank sehr guter Beziehungen zu sämtlichen Organisationen und Institutionen des Fachgebietes ist sie dieser Aufgabe bis zum heutigen Tage gerecht geworden.

Als Jochen Kunis 1993 aus Altersgründen aus der aktiven Geschäftsführung ausschied, leitete sein Bruder Klaus Kunis den Verlag eigenständig im gemeinsamen Sinne bis zu seinem offiziellen Ausscheiden zum Jahr 2007 weiter. Da sich zu dem nunmehr erneut anstehendem Generationswechsel innerhalb der Familien Kunis kein Nachfolger zur Weiterführung des Unternehmens fand, ging der Verlag Moritz Schäfer an Reinald Pottebaum über, einem langjährigen Mitarbeiter des Institutes für Müllerei- und Bäckereitechnologie der damaligen Bundesforschungsanstalt für Ernährung und Lebensmittel in Detmold, und seit Langem mit Klaus Kunis nicht nur duch den Verband „Glück zu" verbunden.

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